Zum Jahresausklang gibt es heute ein Gedicht. Nicht von mir. Ich kann das nicht.
Aus dem Kinder-Verwirr-Buch, 1931, Joachim Ringelnatz
Silvester bei den Kannibalen
Am Silvesterabend setzen
Sich die nackten Menschenfresser
Um ein Feuer, und sie wetzen
Zähneklappernd lange Messer.
Trinken dabei — das schmeckt sehr gut —
Bambus-Soda mit Menschenblut.
Dann werden aus einem tiefen Schacht
Die eingefangenen Kinder gebracht
Und kaltgemacht.
Das Rückgrat geknickt,
Die Knochen zerknackt,
Die Schenkel gespickt,
Die Lebern zerhackt,
Die Bäuchlein gewalzt,
Die Bäckchen paniert,
Die Zehen gesalzt
Und die Äuglein garniert.
Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.
Und allen läuft das Wasser im Munde
Zusammen, ausnander und wieder zusammen.
Bis über den feierlichen Flammen
Die kleinen Kinder mit Zutaten
Kochen, rösten, schmoren und braten.
Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau
Zubereitet als Karpfen blau.
Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,
Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.
Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist
Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.
Die Kinder und der Karpfen sind gar.
Es wird gespeist.
Und wenn die Kannibalen dann satt sind,
Besoffen und überfressen, ganz matt sind,
Dann denken sie der geschlachteten Kleinen
Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.
(Joachim Ringelnatz)
Ob man das den Kleinen damals vorgelesen hat?, frage ich mich.
Obwohl, Märchen sind nicht weniger grausam und blutig. Manche sind der reinste Splatter - nur nannte man das damals nicht so.
Einen schönen Jahresausklang
und einen guten Rutsch ins Neue Jahr wünscht
Inge Löhnig
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen