Mittwoch, 31. Dezember 2008

Silvester

Zum Jahresausklang gibt es heute ein Gedicht. Nicht von mir. Ich kann das nicht.
Aus dem Kinder-Verwirr-Buch, 1931, Joachim Ringelnatz

Silvester bei den Kannibalen

Am Silvesterabend setzen

Sich die nackten Menschenfresser

Um ein Feuer, und sie wetzen

Zähneklappernd lange Messer.


Trinken dabei — das schmeckt sehr gut —
Bambus-Soda mit Menschenblut.



Dann werden aus einem tiefen Schacht

Die eingefangenen Kinder gebracht

Und kaltgemacht.

Das Rückgrat geknickt,
Die Knochen zerknackt,

Die Schenkel gespickt,

Die Lebern zerhackt,

Die Bäuchlein gewalzt,
Die Bäckchen paniert,
Die Zehen gesalzt

Und die Äuglein garniert.



Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.

Und allen läuft das Wasser im Munde
Zusammen, ausnander und wieder zusammen.
Bis über den feierlichen Flammen

Die kleinen Kinder mit Zutaten

Kochen, rösten, schmoren und braten.



Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau
Zubereitet als Karpfen blau.
Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,

Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.



Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist

Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.
Die Kinder und der Karpfen sind gar.
Es wird gespeist.



Und wenn die Kannibalen dann satt sind,

Besoffen und überfressen, ganz matt sind,

Dann denken sie der geschlachteten Kleinen
Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.

(Joachim Ringelnatz)

Ob man das den Kleinen damals vorgelesen hat?, frage ich mich.
Obwohl, Märchen sind nicht weniger grausam und blutig. Manche sind der reinste Splatter - nur nannte man das damals nicht so.

Einen schönen Jahresausklang
und einen guten Rutsch ins Neue Jahr wünscht
Inge Löhnig

Samstag, 20. Dezember 2008

Zeitlos

Eigentlich wollte ich heute nicht über Dummheit, Dreistigkeit und Gier schreiben, sondern über ein Stillleben des 17. Jahrhunderts, das ich vor ein paar Tagen im Amsterdam gesehen habe. Wenn ich allerdings so darüber nachdenke, muss ich einräumen, mit Gier hat es auch zu tun.

In Dühnforts drittem Fall haben Natura-morta-Gemälde eine Bedeutung, deshalb liegt bei mir ein dicker Wälzer über dieses Thema auf dem Tisch und außerdem zwei kleinformatige Bücher über die Natur und ihre Symbole in der Kunst. Denn die Arrangements der Stillleben enthalten durch die Auswahl der abgebildeten Blumen und Tiere, besondere Aussagen. Ein Vogel gilt als Symbol der Seele, ist er allerdings in einen Käfig gesperrt, stellt er Betrug dar. Eine Anemone bedeutet Schmerz und Tod, eine Tulpe kostbare Schönheit und Vergänglichkeit, eine Libelle ist Sinnbild des Bösen, des Dämonischen ebenso wie die Darstellung einer Maus.

Vor ein paar Tagen stand ich also im Rijksmuseum in Amsterdam vor einem Stillleben des 17. Jahrhunderts, das einen Blumenstrauß zeigt, der in seiner Zusammenstellung ungewöhnlich ist. Es liegt nicht an der Darstellung von Blumen unterschiedlicher Jahreszeiten – das war damals üblich – was mich wunderte war die Vielzahl von Tulpen. Sicher an die zwanzig Blüten, weißgrundig, rotgeflammt, majestätisch, schön und vor allem kostbar. Damals wurden Tulpenzwiebeln nämlich an der Börse gehandelt wie heute Aktien, Öl und Getreide.

Was hat diese ungewöhnliche Komposition zu bedeuten?, fragte ich mich und wandte meine Aufmerksamkeit der Texttafel zu, las und hätte beinahe gelacht. Der Maler hat dieses Bild kurz nach dem Platzen der Tulpenblase gemalt. Etliche Amsterdamer Kaufleute waren damals Bankrott gegangen, als die Spekulationsblase platzte und die Preise für Tulpenzwiebeln in den Keller rauschten. Ein so altes Gemälde und doch so modern.

Auf die Dummheit!

Lieber Gewinner,
Wir sind zufrieden, Sie heute am 19Th DEC 2008 der Ergebnisse Euromillones Lotterien primitiv [[primitiv ist gut]] international zu informieren, hielt am 20th OCT 2008 als ein Teil unserer Goldgrube Bonanza fest des Jahres 2008. Ihr Name beigefьgt an der Karte No 134-03650116-211, Glьckszahlen 01-04-18-32-40-46+06-07, Seriennummer 01-4276, mit GRUPPE -ZAHL 01-4276/ES/08/DE, KENNZIFFER MOBIG/77/575/211/0508
die Lotterie auf der 3.Kategorie gewann hat.GLЬCKWЬNSCHE!!

Herzlichen Glückwunsch ebenfalls, Herr Dr. Olea, zum souveränen Umgang mit der Deutschen Sprache. So klappt das mit dem Betrug nicht – oder vielleicht doch? Sollte es tatsächlich Leute geben, die darauf hereinfallen?
Außerdem interessiert mich, wie das funktionieren soll, wie also mein Geld auf das Konto von Dr. Juan Olea – dem Unterzeichner dieser Spam-Mail - gelangen soll. Neugier siegt über Qual. Weiterlesen, Inge!

Sie sind deshalb fьr eine Ausschьttung der einmaligen Pauschale von Ђ,950,777.00 (NUEN HUNDERT UND FЬNFZIG TAUSEND, SIEBEN HUNDERT, SIEBEN UND SIEBZIG EURO) im Bargeld kreditiert mit der KENNZIFFER MOBIG/77/575/211/0508 genehmigt worden.

Wow. Fast eine Million! Soll ich mir die wirklich entgehen lassen?
.....
Um Ihren Lotterienanspruch zu beginnen, setzen Sie sich bitte in verbindung mit Ihrem Anspruch-Agenten, DON ANTONIO RUIZ Auslander abteilungleiter des EUROSKY SEGUROS S.A auf TEL.NR. 00-34-626-648-756, Oder FAX.NR. 00-34-917-905-000. fьr die Verarbeitung und Ьberweisung Ihres Geldpreises zu einem nominierten Bank Konto Ihrer Wahl.

Ah, hier droht vielleicht die Abzocke: Wenn ich diese Nummer wähle, nützt mir meine Telefonflatrate nichts und der Gebührenzähler rattert in TGV-Geschwindigkeit [[mit unserem ICE ist es ja nicht soweit her]] und angesichts meiner Telefonrechnung über eine sagenhafte Summe (erwähnte knappe Million?), wird mir im Januar übel werden. Ist das so einfach? Aber diese Form von Abzocke kennt doch mittlerweile jeder. Oder nicht?
Weiterlesen, Inge!

Erinnern Sie sich, der alle Preisgeld muss nicht spдter als 30TH DEC 2008 gefordert werden. Nach diesem Datum wird das ganze Kapital in den MINISTERIO DE ECONOMIA Y HAZIENDA als nicht beansprucht zurьckgegeben.

Psychologisch nie verkehrt: Beim potenziellen Opfer Druck aufbauen. Das gibt einen Punkt, Herr Doktor.

Und auch informiert werden Sie dass 10 % Ihrer Lotterie wining gehцrt EUROSKY SEGUROS S.A, weil sie in Ihren Namen fьr diese Attraktion eingingen und sie Ihr Anspruch-Agent sind.

Ah, langsam wird es interessant: Von meiner knappen Million bekommt der Doktor 10% und ganz sicher wird er die vorab haben wollen. Leider, leider kann erst dann mein Gewinn ausgezahlt werden. Ich sehe Dr. Olea bedauernd der Kopf schütteln. „Aber Sie werden doch nicht auf eine knappe Million verzichten, nur weil Sie die Gebühr von lächerlichen 10% ...“ Halt. Stopp! So spricht der Doktor nicht. Weiterlesen, Inge!

Das, das 10 % vergeben werden, nachdem Sie Ihren gewinnenden Fonds in Ihre Bank Konto erhalten haben, weil der Fonds in Ihrem Namen bereits versichert wird. Um unnцtige Verzцgerungen und Komplikationen zu vermeiden, erinnern Sie sich bitte, Ihre Kennziffer und Kunden nummer in jeder Ihrer Дhnlichkeit mit uns oder Ihres Agenten zu zitieren. ... Glьckwьnsche wieder von Allen unseren Mitgliedern und bedanken Sie sich dafьr, dass Sie ein Teil unseres Internationalen Promotionsprogramms Sind.

Wow. Bedanken soll ich mich auch noch!

ZAHLUNG VERARBEITEN BESCHEINIGUNG

BITTE, DIESE ANTRAG BESCHEININGUNG SORGFДLTIG FULLEN UND FAXEN ZURЬCK

KENNZIFFER..........................GRUPPEZAHL...............................GEWINNSUMME.........
VORNAME:........................MITTELNAME .........................NACHNAME.............
GEBURTSDATUM:.................NATIONALITДT...........................VERFALLSDATUM...........
...
IBAN (Wann vor Hand)………………......................................
NAME DER BANK: ………………………………………………KONTO INHABER……………………………………….
KONTO NUMMER........................................BANK LEITZAHL.................

....

Noch eine Abzockmöglichkeit: Ich bin so doof und gebe dem Doktor meine Bankdaten zur Selbstbedienung – ob einer eine Einzugsermächtigung hat, interessiert Banken nämlich nicht wirklich! Jedenfalls nicht bei kleineren Summen. Das sollte man wissen.
Schön ist bei diesem Formular, dass ich mein Verfallsdatum angeben soll.
...

Mit freundlichen Grьssen
DR JAUN OLEA
Direktor

Na dann, Herr Doktor: Auf die Dummheit!

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Zement, Sand und Wasser

Es gibt Menschen, die können das. Einfach so. Sie berichten über Unspektakuläres und trotzdem hängt man gebannt an ihren Lippen, weil sie komisch oder spannend, mit ungewohnten Einsichten oder originellen Assoziationen erzählen. Intuitiv wissen sie, wie man eine Geschichte am interessantesten an den Zuhörer bringt und ihn in Bann schlägt.

Nun, eine Geschichte ist noch kein Roman aber ohne Erzähltalent wird man nicht Autor. Es ist das Fundament auf dem man aufbaut. Fehlt noch der Mörtel, der alles zusammenhält. Der setzt sich ja bekanntlich aus Zement, Sand und Wasser zusammen. Was sind die Analogien für dieses Bindemittel beim Schreiben? Hmm? Handwerk, Disziplin und Kritikfähigkeit. Sage ich mal.

Jeder Künstler muss sein Handwerk beherrschen. Ein Musiker, der keine Noten lesen oder sein Instrument nicht spielen könnte, man stelle sich das mal vor; oder der Maler, der die Techniken des Aquarellierens oder Ölmalens nie gelernt hätte ... Nur der Schriftsteller, der soll lediglich von der Muße geküsst sein? Handwerk des Schreibens! Pfui! Igitt!, tönt es aus manchen Ecken. Das ist ja wie Malen nach Zahlen.
Zement, sage ich.

Ein Roman schreibt sich nicht so nebenbei, wenn man gerade Lust und eine Eingebung hat und sich hie und da ein Stündchen vor den Computer setzt und sich dabei als begnadeter Künstler und der künftige Bestsellerautor fühlt. Wer nicht dran bleibt, wird seinen Roman nie fertig bekommen. Wer jeden Tag schreibt, sieht das MS wachsen und die Seiten nach und nach den anfangs leeren Ordner füllen und wird sich stetig dem magischen Wort ENDE nähern. Wahnsinn, soviel Disziplin bringe ich nicht auf, sagen viele.
Sand, sage ich.

Dann ist das Manuskript fertig. Man liest es, ist stolz auf sich und gibt es anderen zu lesen. Vielleicht dem Partner, der wunderbar finden wird, wie man schreibt, vielleicht auch einem Profi, der sich im Literaturbetrieb auskennt, sich räuspert, vorsichtig den Finger hebt und ein paar kritische Bemerkungen ... Banause, der versteht mich nicht!
Wasser sage ich.

Mein Mörtel für Dühnforts dritten Fall ist ein wenig dünn geworden. Er hält die Geschichte nicht zusammen. Woran liegt es? Vermutlich an einer überzähligen Perspektive. Muss ich denn meine Fehler wiederholen? Aus „Der Sünde Sold“ habe ich ja schon zwei Perspektiven gestrichen und die wunderbare Erfahrung gemacht, wie die Handlung so an Sog gewann.
Aber diesmal liegt das Problem ein wenig anders. Die Perspektive, die ich nun opfern werde, habe ich ganz bewusst gewählt. Ich wollte mit ihr etwas versuchen, was nun nicht gelingt, nicht gelingen konnte. Ich wollte zuviel auf einmal. Den Versuch war es wert. Nun weiß ich das und raus damit.