Vor einiger Zeit habe ich mich ja bereits darüber aufgeregt: Über das Happy End um jeden Preis, auch wenn der Autor dadurch seine Figuren opfert. Damals ging es um einen amerikanischen Spielfilm heute geht es um den Debütroman eines Autors, der allerdings vorher Drehbücher schrieb.
Der Held der Geschichte lebt in einer Diktatur, ist Mitglied der Staatspolizei und ein überzeugter Anhänger des Systems. Der Leser lernt ihn bei einem Einsatz kennen, bei dem er einen Kollegen davon abhalten muss einen gewöhnlichen Mord (also keinen aus politischen Gründen) auch so zu benennen. Es war ein Unfall. Im Laufe des Romans schöpft der Held Verdacht, der Mord könnte doch einer sein, folgt seiner Intuition, wandelt sich vom Saulus zum Paulus und wird degradiert, was ihm dann durch einen tollen Zufall (überhaupt spielt der Zufall die zweite Hauptrolle in diesem Roman) die Möglichkeit eröffnet, heimlich zu ermitteln.
Und spätestens an diesem Punkt beginnt die fatale Entwicklung hin zum Happy End. Denn das Buch fasziniert durch die Schilderung dessen, wie ein totalitäres System funktioniert, wie es Menschen verändert. Es zeigt wie sie jedes Vertrauen verlieren, jede Menschlichkeit, wie sie zu Denunzianten werden, um die eigene Haut zu retten oder - perfider noch – wie sie zu Verrätern werden müssen, um die Leben ihrer Lieben zu bewahren. Das Regime wird in einer Gnadenlosigkeit gezeigt, die niemanden verschont.
Niemanden? Leider doch. Denn der Autor braucht den Helden ja bis zum Ende. Also kommt er immer wieder und immer wieder mit blauem Auge davon. Da bemüht der Autor nicht nur den Maschinengott, sondern zerstört auch durch unglaubwürdige Handlungsweisen der Gegenspieler die Glaubhaftigkeit seiner Geschichte und seines Helden. Denn er hat uns Lesern ja mehr als einmal gezeigt, wie das System funktioniert, was mit Menschen geschieht, wenn sie erst einmal unter Verdacht geraten sind, wenn sie unbequem sind, wenn sie sich tatsächlich gegen das System stellen. Und das tut der Held nun und ihm widerfährt nicht, was ihm widerfahren müsste.
Und damit nicht genug. Auch eine verquere Liebesgeschichte endet glücklich und natürlich löst der Held seinen Fall und wird schließlich zum Chef einer neu gegründeten Polizei. Und natürlich ist das keine politische Polizei, sondern eine Kriminalpolizei.
Über den Täter und die Glaubhaftigkeit seiner Taten (denn es war natürlich nicht nur eine) schweige ich, da könnte ich nämlich ...
Nun frage ich mich: Bin ich pingelig und zu anspruchsvoll geworden, seit ich selbst schreibe? Verdirbt das Schreiben mir den Lesespaß? Denn das Buch ist in einem namhaften Verlag erschienen, ein großer Erfolg und wird bereits in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt.
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4 Kommentare:
Du hast vergessen, uns zu verraten, um welches Buch es sich bei deiner Rezension handelt!
Neugierig,
Petra
Hallo Petra,
du irrst: Ich habe das nicht vergessen, sondern ganz bewusst verschwiegen und eine richtige Rezi ist das ja auch nicht. Mir ging es um das Thema Happy End um jeden Preis.
In Hollywood werden gelegentlich mehrere Endversionen gedreht, die dann ein Vorab-Publikum zu sehen bekommt und deren Votum ist dann ausschlaggebend für die Endfassung des Films.
Der Autor hat allerdings kein Vorabpublikum ....
Beim genannten Roman habe ich inzwischen allerdings den Verdacht, dass der Autor sich verhoben hat, dass er mehr wollte als er konnte.
Der Held wird zum Helden, weil Maschinengötter und unglaubwürdige Handlungen ihn dorthin bringen, wo er, vom Autor gewünscht, hin soll. Aber weshalb greift der zu solchen Mitteln?
Wäre der Held ein Held, würde er mit Kraft, Kampfgeist, List und Tücke mit Schlauheit und unter Ausnutzung seiner Kenntnisse, wie das System funktioniert, zum Ziel kommen. Das wäre ein Held, der mir gefallen würde, einer der aus eigener Kraft die Hindernisse überwindet. Aber anscheinend war der Autor dazu nicht in der Lage.
LG
Inge
Hallo Inge,
da gibt es ein schönes Beispiel aus Hollywood: Terry Gilliams Film Brazil, der tragisch und folgerichtig konsequent endet. Gilliam hat sich permanent geweigert, dass das Ende in der von dir beschriebenen Weise zum Happy End geschönt wurde, aber die Amis haben dann trotzdem frech ein Alternativende gedreht.
Fazit: Seine "europäische" tragische Fassung machte international Furore! (Die zuckersüße ist unerträglich).
Bei dem, was du beschreibst, frage ich mich immer, wie viel Autor da drinsteckt und wie viel Wünsche aus Hollywood, pardon dem Lektorat kamen. Derzeit herrscht ja ein Trend zur glattgebügelten Ware, weil man glaubt, das leichter verkaufen zu können (O-Ton-Lektorate: In schweren Zeiten wollen Leser Happy Ends). Und wenn sich der Autor dann biegen muss, verunglückt das Ganze gern, weil er halt doch nicht so dahinter steht.
Die Frage wie immer: Wie sehr lässt man sich verbiegen - da sind erfahrungsgemäß Anfänger eher anfällig. Vielleicht hat er auch zu schnell ein Buch heraushauen müssen, nachlegen? Kann man nur spekulieren...
Aber ich freue mich immer, wenn es noch Leser / Autoren gibt, denen echte Charaktere und folgerichtige Geschichten jenseits des Zuckerkrams etwas sagen.
Schöne Grüße,
Petra
Hi Inge,
das Schreiben verdirt meines Erachtens die Freude am Lesen. Zumindest bei mir. Bei vielen Büchern ärgere ich mich und denke mir, die sind bei einem großen Verlag gelandet, übersetzt worden etc. pipapo und ich armes Würstchen?
Happy Ends stören mich in aller Regel und ich versuche sie zu vermeiden. Ich glaube aber, dass tatsächlich viele Leser am Ende lieber ein unrealistisches Happy End ha ben wollen als ein folgreichtiges tragisches Ende.
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