Ich gebe es zu: Agnes’ Faible für Gedichte habe ich ihr geborgt. Vermutlich enthält die Redewendung, alles habe seine Zeit, ein gutes Quäntchen Wahrheit. In der Schule nämlich, habe ich Gedichte nicht sonderlich geliebt. Vermutlich ist es der Sache nicht dienlich Zehnjährige – vielleicht war ich auch elf oder zwölf – den Erlkönig auswendig lernen zu lassen oder Die Bürgschaft (heute finde ich sie spannend wie einen Krimi).
Mit Ringelnatz und Morgenstern hat man uns damals jedenfalls nicht konfrontiert. Die entdeckte ich erst später und in deren Gefolge auch die während der Schulzeit verschmähten Dichter und Dichterinnen. Einen wunderbaren Querschnitt deutscher Lyrik von Walter von der Vogelweide bis Paul Celan enthält das Buch Gedichte fürs Gedächtnis von Ulla Hahn. Folgendes (das man zweimal lesen sollte) steht allerdings nicht darin.
Lustmord
Sie stänkerte. Dennoch habe ich sie –
Weil sie käuflich war – gekauft.
Und habe, vielleicht aus Ironie,
Sie „Mucker“ getauft.
Ich riß ihr gierig mit rauher Hand
Die einzelnen Kleider herunter,
Zunächst ein leichtes Flittergewand,
Dann anderen, gröberen Plunder.
Und Rock und Röckchen nach Röckchen fiel
Herab. Ich riß und zerfetzte
Mit Wollust. Ich wollte – das war mein Ziel –
Das Nackte, das Wahre, das Letzte.
Doch immer, wenn ich das rosige Glück
Der Nacktheit zu schauen vermeinte,
Kam wieder noch irgend ein Kleidungsstück.
Ich wütete weiter, ich weinte.
Doch als ich sie völlig enthemdet
Hatte, blieb nichts, restlos nichts.
Und in dieses Nichts bohrt befremdet
Der Stachel meines Gedichts.
Jedoch erübrigt sich jede Kritik,
jeder Kommentar,
Weil die, von der ich hier rede,
Eine Zwiebel war.
(Joachim Ringelnatz)
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