Mittwoch war einer dieser Tage, an denen ich schon in der Früh weiß, dass ich ihn hinter dem Computer verbringen werde. Kein Grund also für Retuschearbeiten im Gesicht, kein Grund für Businessoutfit. Rein in die Jeans und den ausgeleierten Pulli, Tagescreme ins Gesicht, grünen Tee gekocht und ab an die Arbeit. Ich musste an diesem Tag eine Menge schaffen, da ich am Donnerstag einen Termin in München hatte. Ich war mit einer Redakteurin der SZ-Landkreisbeilage zu einem Interview verabredet.
Kurz vor sechs klingelte das Telefon. Der Fotograf der SZ meldete sich. „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen.“
Wie, was? In fünf Minuten? Der Kunde wartet auf die Entwürfe. Ich sehe zum Davonlaufen aus, habe keine Zeit für den Termin und vor allem keine Zeit mich aufzuhübschen – geschweige denn in fünf Minuten. Als ich fünfundzwanzig war, ging das noch. Mit fünfzig muss man mehr Zeit investieren. Kurzer Kampf mit mir selbst: SZ-Fotograf brüskieren oder grauenhaftes Foto in Kauf nehmen? Die Entscheidung ist mir nicht wirklich schwer gefallen.
Wir verschoben den Termin vage auf den Donnerstagvormittag, wahlweise auf den Freitag. Gestern in der Früh so eine Ahnung bekommen und gleich nach Makeup, Wimperntusche und Co gegriffen. Kurz vor elf klingelt das Telefon. Der Fotograf der SZ meldet sich: „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen.“
Nach vier Minuten schellt es an der Haustür. Der rasende Reporter ist da, folgt mir raschen Schrittes ins Wohnzimmer, will seine Daunenjacke trotz geschätzter 22°C nicht ablegen. „Dauert nicht lange, ich bin gleich wieder weg.“ Sieht sich um, fragt, was ich eigentlich mache, weshalb er mich fotografieren soll. Ich bringe die Worte Autorin und Buch hervor; er drückt mir meines in die Hand. „Dann machen wir das vor der Bücherwand“, schiebt mich vors Regal, gibt noch ein paar Anweisungen, knipst und ist nach geschätzten drei Minuten wieder weg.
Ich glaube, auf den Fotos werde ich irgendwie verblüfft aussehen.
Freitag, 27. Februar 2009
Mittwoch, 18. Februar 2009
Moderne Wunschmaschine
Wer in Leipzig Straßenbahn fährt, sieht sich folgender Aufforderung gegenüber: Bitte Fahrgastwunsch drücken.
Hmm? Was die wohl meinen? Die Straßenbahn hat keine blauen Punkte, wie das Sams und sieht einer Öllampe, an der man reiben könnte, um ihr einen Gin zu entlocken, nicht im Entferntesten ähnlich. Aber wer weiß?
Ich betrachte die alte Dame, mit den dicken Brillengläsern. Ob sie sich wohl mehr Sehkraft wünschen würde? Oder die dicke Frau, die in all ihrer Rundlichkeit sehr appetitlich aussieht nur irgendwie traurig. Ob sie sich den Märchenprinzen wünschen würde oder den g’stand’nen Mann fürs Leben? Der Wunsch des quengelnden Kindes auf dem Schoß der Mutter ist klar: Ein Überraschungsei.
Was würde ich mir wünschen, in dieser Straßenbahn, die eine fahrende Wunscherfüllungsmaschine sein könnte? Ganz klar: Die schnelle Genesung meiner Schwägerin.
Die alte Dame steht auf und drückt auf einen Knopf, der an einer Metallstange befestigt ist. Die Straßenbahn stoppt an der nächsten Haltestelle, die Türen öffnen sich und die Frau steigt aus. Sie war der Fahrgast mit dem Wunsch, an dieser Station aussteigen zu können.
So einfach ist das. Und auch desillusionierend.
Hmm? Was die wohl meinen? Die Straßenbahn hat keine blauen Punkte, wie das Sams und sieht einer Öllampe, an der man reiben könnte, um ihr einen Gin zu entlocken, nicht im Entferntesten ähnlich. Aber wer weiß?
Ich betrachte die alte Dame, mit den dicken Brillengläsern. Ob sie sich wohl mehr Sehkraft wünschen würde? Oder die dicke Frau, die in all ihrer Rundlichkeit sehr appetitlich aussieht nur irgendwie traurig. Ob sie sich den Märchenprinzen wünschen würde oder den g’stand’nen Mann fürs Leben? Der Wunsch des quengelnden Kindes auf dem Schoß der Mutter ist klar: Ein Überraschungsei.
Was würde ich mir wünschen, in dieser Straßenbahn, die eine fahrende Wunscherfüllungsmaschine sein könnte? Ganz klar: Die schnelle Genesung meiner Schwägerin.
Die alte Dame steht auf und drückt auf einen Knopf, der an einer Metallstange befestigt ist. Die Straßenbahn stoppt an der nächsten Haltestelle, die Türen öffnen sich und die Frau steigt aus. Sie war der Fahrgast mit dem Wunsch, an dieser Station aussteigen zu können.
So einfach ist das. Und auch desillusionierend.
Montag, 9. Februar 2009
Zeitlos
Vor einiger Zeit habe ich hier ein Stilleben aus dem 17. Jahrhundert beschrieben, das durch die Komposition des abgebildeten Blumenstraußes auf das Platzen der Tulpenblase anspielt, bei dem viele Amsterdamer Bürger und Kaufleute ihr Vermögen verloren. So alt und so modern, dachte ich.
Dachte ich heute wieder, als ich eine Mail mit einem Tucholsky-Gedicht bekam. Es ist von 1930, könnte aber ebenso gut gestern geschrieben worden sein.
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
Tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite
Und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
Hat der Kleine Mann zu blechen
Und – das ist das Feine ja-
Nicht nur in Amerika!
Und wenn die Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
Das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
dann wird bisschen Krieg gemacht.
Kurt Tucholsky 1930 veröffentlicht in „Die Weltbühne“
Dachte ich heute wieder, als ich eine Mail mit einem Tucholsky-Gedicht bekam. Es ist von 1930, könnte aber ebenso gut gestern geschrieben worden sein.
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
Tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite
Und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
Hat der Kleine Mann zu blechen
Und – das ist das Feine ja-
Nicht nur in Amerika!
Und wenn die Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
Das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
dann wird bisschen Krieg gemacht.
Kurt Tucholsky 1930 veröffentlicht in „Die Weltbühne“
Freitag, 6. Februar 2009
Lesung während des Münchner Krimifestivals
Langsam wird es nun ernst mit den Lesungen – ist aber auch höchste Zeit dafür. Während mir die Vorstellung vor Publikum zu lesen, noch vor einem Jahr Herzflattern und schweißnasse Hände beschert hat, merke ich nun, dass ich auf die erste Lesung warte. Die Rampensau, von der mein Mann glaubt, dass sie in mir steckt, habe ich zwar dort noch nicht gefunden, dafür aber eine gewisse Ungeduld, das Gelernte jetzt endlich mal auszuprobieren.
Frau Pillmann sei Dank, habe ich den Text nun soweit im Griff, dass ich ihn gut vorlesen und die Zuhörer (hoffentlich!) bei der Stange halten kann. Leicht ist das nicht. Ich merke ja selbst, wie schnell meine Gedanken bei Lesungen Spaziergänge unternehmen, wenn der Vorlesende es nicht schafft, die Spannung zu halten, die Interpretation indifferent wird und er über die nötigen Pausen drüberholpert anstatt sie zu machen. Das ist Arbeit und fordert durchgehend hohe Konzentration.
Im stillen Kämmerlein ganz publikumslos klappt das inzwischen sehr gut und auch vor meiner Sprechtrainerin bin ich mittlerweile beinahe hemmungslos extrovertiert. Aber wie wird das vor Publikum sein? Kontrollfreak, der ich nun mal bin, werde ich das nicht einfach so auf mich zukommen lassen. Ne, meine Familie muss demnächst für die Generalprobe auf Sofa und Sessel Platz nehmen. Es soll ja schwieriger sein vor Freunden und Familie zu lesen, als vor Fremden. Wenn ich das also gut über die Bühne bekomme, kann ich ganz unbesorgt meiner ersten Lesung entgegensehen.
Und wann und wo ist die nun?
Im Rahmen des Münchner Krimifestivals, am 21.3.09, gibt es in der Stadtbibliothek Fürstenried eine Krimifrühstück mit mir. Alle Infos gibt es hier.
Frau Pillmann sei Dank, habe ich den Text nun soweit im Griff, dass ich ihn gut vorlesen und die Zuhörer (hoffentlich!) bei der Stange halten kann. Leicht ist das nicht. Ich merke ja selbst, wie schnell meine Gedanken bei Lesungen Spaziergänge unternehmen, wenn der Vorlesende es nicht schafft, die Spannung zu halten, die Interpretation indifferent wird und er über die nötigen Pausen drüberholpert anstatt sie zu machen. Das ist Arbeit und fordert durchgehend hohe Konzentration.
Im stillen Kämmerlein ganz publikumslos klappt das inzwischen sehr gut und auch vor meiner Sprechtrainerin bin ich mittlerweile beinahe hemmungslos extrovertiert. Aber wie wird das vor Publikum sein? Kontrollfreak, der ich nun mal bin, werde ich das nicht einfach so auf mich zukommen lassen. Ne, meine Familie muss demnächst für die Generalprobe auf Sofa und Sessel Platz nehmen. Es soll ja schwieriger sein vor Freunden und Familie zu lesen, als vor Fremden. Wenn ich das also gut über die Bühne bekomme, kann ich ganz unbesorgt meiner ersten Lesung entgegensehen.
Und wann und wo ist die nun?
Im Rahmen des Münchner Krimifestivals, am 21.3.09, gibt es in der Stadtbibliothek Fürstenried eine Krimifrühstück mit mir. Alle Infos gibt es hier.
Dienstag, 3. Februar 2009
Schein und Wirklichkeit – wieder einmal.
Wer lässt sich schon gerne fotografieren? Ich jedenfalls nicht. Auf ungefähr 99,9% aller Bilder die es von mir gibt, gefalle ich mir nicht, da ich mich anders sehe als die Bilder mir mein Konterfei zeigen.
Womit das wohl zu tun hat? Ist das ein psychologischer Effekt oder schlicht und ergreifend Verdrängung? Oder liegt es an den Miniportionen von Veränderungen, die an 365 Tagen im Jahr stattfinden. Jeden Tag ein klein wenig, man sieht das nicht, bis man eines Morgens voller Schrecken seinem Spiegelbild ins Antlitz blickt und die Krähenfüße entdeckt und plötzlich versteht, weshalb die so heißen ...
Also, worauf ich eigentlich hinaus will: Mein Autorenfoto sah mir nicht mehr ähnlich. Es ist zwei Jahre alt, der Kurzhaarschnitt hatte sich zum Bob gemausert und überhaupt gefiel es mir nicht mehr. Es war also an der Zeit einen Fototermin zu vereinbaren.
Nun komme ich ja aus der Werbung und weiß um die Bedeutung von Bildern. Das Briefing, das ich der Fotografin gab: Das Foto soll die Autorin in mir zeigen. Nicht die Hausfrau und Mutter, nicht die Grafikerin und auch nicht die Tochter, die sich um die alt werdende Mutter kümmert, nicht die Ehefrau und schon gar nicht die Putzfrau, zu der ich einmal wöchentlich mutiere [wobei das ein sehr wichtige Rolle für die Autorin ist – kommen ihr bei dieser sinnentleerten Arbeit, bei der die Gedanken spazieren gehen, doch oft die tollsten Ideen].
Wer also nun glaubt, dass dieses Foto mich zeigt, der irrt. Es zeigt die Krimiautorin ;-).
Womit das wohl zu tun hat? Ist das ein psychologischer Effekt oder schlicht und ergreifend Verdrängung? Oder liegt es an den Miniportionen von Veränderungen, die an 365 Tagen im Jahr stattfinden. Jeden Tag ein klein wenig, man sieht das nicht, bis man eines Morgens voller Schrecken seinem Spiegelbild ins Antlitz blickt und die Krähenfüße entdeckt und plötzlich versteht, weshalb die so heißen ...
Also, worauf ich eigentlich hinaus will: Mein Autorenfoto sah mir nicht mehr ähnlich. Es ist zwei Jahre alt, der Kurzhaarschnitt hatte sich zum Bob gemausert und überhaupt gefiel es mir nicht mehr. Es war also an der Zeit einen Fototermin zu vereinbaren.
Nun komme ich ja aus der Werbung und weiß um die Bedeutung von Bildern. Das Briefing, das ich der Fotografin gab: Das Foto soll die Autorin in mir zeigen. Nicht die Hausfrau und Mutter, nicht die Grafikerin und auch nicht die Tochter, die sich um die alt werdende Mutter kümmert, nicht die Ehefrau und schon gar nicht die Putzfrau, zu der ich einmal wöchentlich mutiere [wobei das ein sehr wichtige Rolle für die Autorin ist – kommen ihr bei dieser sinnentleerten Arbeit, bei der die Gedanken spazieren gehen, doch oft die tollsten Ideen].
Wer also nun glaubt, dass dieses Foto mich zeigt, der irrt. Es zeigt die Krimiautorin ;-).
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