Heute mal eine Rezension von mir. Das Buch trägt den Titel "Schatten" und stammt von Karin Alvtegen. Die Autorin ist Schwedin, lebt in Stockholm, schreibt Bestseller und ist - wie in den Biographien gerne angemerkt wird - die Großnichte von Astrid Lindgren. Was ich persönlich jetzt nicht als wahnsinnig wichtige Information betrachte. Wichtig ist: Sie kann schreiben! Und wie!
Schatten ist die Geschichte einer Familie, deren Oberhaupt seit Jahrzehnten ein Geheimnis hütet. Ein Geheimnis, das ihn, den berühmten Schriftsteller und Nobelpreisträger Axel Ragnerfeldt, vernichten würde - sogar posthum - sollte es ja ans Tageslicht gezerrt werden. Leider hat Ragnerfeldt es versäumt, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass dies nicht geschehen kann und nun liegt er, von einem Schlaganfall gezeichnet und handlungsunfähig, in einem Pflegeheim. Seit Geist ist hellwach, seine Sprache und sein Körper gelähmt.
Die ehemalige Haushälterin bringt den Stein ins Rollen und zwar dadurch, dass sie stirbt. Eine Frau, die den Nachlass regeln und für eine würdige Beerdigung der alten Dame sorgen will, meldet sich beim Sohn des ehemaligen Arbeitgebers, Jan-Erik Ragnerfeldt. Rasch entfaltet sich eine Familiengeschichte, in der jede Figur von eigenen Unzulänglichkeiten und Träumen getrieben wird, in der Kommunikationsunfähigkeit, Egozentrik und Lieblosigkeit herrschen, in der der Patriarch noch immer machtvoll wirkt, obwohl er aller Kräfte beraubt ist.
Karin Alvtegen jagt ihre Figuren gnadenlos durch die Geschichte, nimmt die Leser mit auf eine Reise durch menschliche Abgründe. Sie kennt kein Erbarmen, erzählt unbeirrt bis zum bitteren, atemlosen Schluss, an dem man als Leser doch noch einen Funken Hoffnung hat, die Autorin würde von dieser Gradlinigkeit abweichen und dieses Ende nicht zulassen. Aber es ist ein konsequentes Finale, auch wenn man erschüttert das Buch zuschlägt. Genau genommen, das einzig mögliche.
Ich bin sicher, Karin Alvtegen kennt ihre Prämisse und folgt ihr beharrlich. Eine der Stärken des Buches - neben einer wunderschönen Sprache - ist die Führung der Figuren, denen sie keinen falschen Trost, keine falsche Harmonie und überhaupt keine Halbheiten gönnt, die sie logisch und methodisch führt, mit viel Empathie ihre psychischen Tiefen auslotet, sie an Grenzen führt und darüber hinaus treibt. Das alles ist von gnadenloser Konsequenz, die den Leser nicht los lässt. Auch wenn das Buch längst zu Ende gelesen ist.